Mittwoch, 1. April 2020

Besprechung des Artikels - Cybernetic Big Five Theory [Colin DeYoung]:

Eine angemessene Theorie der Persönlichkeit hat nicht bloß aufzuzeigen, wie sich Individuen untereinander unterscheiden, im emotionalen Bereich, in der Motivation, in der Kognition, und im Verhalten, sondern hat auch Antwort auf die Frage nach dem >Warum?< dieser Unterschiede zu liefern. In eigenen Worten würde ich sagen, dass es eben einen Unterschied ausmacht, ob die Persönlichkeitsforschung bloß beschreibend und also im Wesentlichen atheoretisch vorgeht, oder ob eine grundlegende Theorie im Hintergrund der Persönlichkeitsforschung steht. Bei diversen Gebieten der Forschung, z.B. in der biologischen oder in der psychologischen Wissenschaft, verhält es sich ja so, dass sich regelmäßig das Forschungsvorgehen bestenfalls auf Pseudotheorien stützt. Es werden Beobachtungen gehäuft und durch diese Beobachtungen wird dann ein theoretisches Gebäude "durchgewurstelt“. Problem hierbei ist allerdings, dass solch eine „Theorie“ sich dann, zum Einen, in hohem Grad auf „false positives“ stützt, zum Anderen, sich auch nur sehr bedingt dazu eignet, die Forschung zu befruchten. Die Evolutionäre Psychologie, z.B., hat eine Theorie im Hintergrund. Auch die „kognitive Wende“ wurde durch einen neuen theoretischen Ansatz hervorgerufen. Grundgedanke, im Sinne von Colin DeYoung, ist also, die Persönlichkeitsforschung auf ein „Paradigma“ aufzubauen, das die Forschung erheblich befurchtet, eben auf den kybernetischen Ansatz. 

In der Kybernetik geht es um zielorientierte, selbstregulierende Systeme. Solche Systeme verfügen über ein Ziel oder über mehrere Ziele als Referenzwerte, die die Arbeit des Systems ausrichten. Hierbei erhalten kybernetische Systeme Feedback, über einen sensorischen Mechanismus, ob und in welchem Ausmaß sie sich auf ihre Ziele zubewegen. Das Verhalten wird gemäß diesem Feedback regelmäßig angepasst. Gray beschreibt die subkortikalen Strukturen, die als das limbische System und als Basalganglien bekannt sind, als einen Mechanismus, der der Zielerreichung dient. Kybernetische Systeme können über einen Regelkreis bestehend aus fünf Schritten charakterisiert werden: 1. ein Ziel wird aktiviert; 2. eine Handlung wird gewählt; 3. die Handlung wird ausgeführt; 4. das Outcome wird interpretiert; 5. der erreichte Zustand wird mit dem Ziel verglichen, gegebenenfalls wird ein Mismatch detektiert; Die einzelnen Schritte des Zyklus werden nicht zwangsweise seriell, sondern auch parallel ausgeführt. Schritt 3 (das Wählen einer Handlung) stellt hierbei allerdings einen Flaschenhals dar. 

Colin DeYoung erläutert das Konzept der charakteristischen Anpassung: Dieses Konzept wird in der Trait-orientierten Persönlichkeitsforschung häufig vernachlässigt. Gerade von einer kybernetischen Perspektive aus scheint das Konzept aber besonders nützlich und brauchbar zu sein. Besonders interessant ist hierbei die Frage, wie sich das Konzept der charakteristischen Anpassung und das Trait-Konzept miteinander verknüpfen lassen. „Characteristic adaptations are relatively stable goals, interpretations, and strategies, specified in relation to an individual‘s particular life circumstances.“ 

Die Erläuterungen zu Extraversion fand ich besonders bemerkenswert. „CB5T posits that Extraversion stems from variation in parameters of the mechanism designed to respond to rewards.“ D.h. es findet sich etwas, das festlegt, wie sensitiv das System generell auf Belohnungen reagiert. „All other things being equal, Extraversion will predict who is more motivated by the possibility of attaining a given reward and who gets more enjoyment out of a reward when attained.“ Während Extraversion einen Bezug zum Anfang des Regelkreises aufweist, steht Neurotizismus primär mit Schritt 5 des Regelkreises in Verbindung, d.i. der Vergleich von dem erreichten Zustand und dem Ziel. „People high in Neuroticism tend to experience negative emotion in response to frequent perceptions that they are not in the state they would like to be in.“ In den Erläuterungen zu den anderen drei „Big Five“-Traits fand ich nicht sonderlich viel Neues, primär aber folgendes: „CB5T posits that Conscientiousness reflects variation in the mechanisms that allow people to follow rules and prioritize non-immediate goals. As a species, human beings are highly unusual both in their ability to follow explicit rules and in their ability to plan for the distant future, adapting their behavior to goals that will not be obtained for weeks, months, years.“ Und weiter: „Conscientiousness appears to be relatively specific to the problem of governing behavior across long time spans or according to the relatively arbitrary explicit rules that are a function of the complexity of human cultures.“ Conscientiousness ist hierbei unter den „Big-Five“-Charakteristiken dasjenige Persönlichkeitsmerkmal, das sich mit Abstand am besten dazu eignet, positive Life-Outcomes zu predicten. Dennoch wird dieses Merkmal, verglichen mit den anderen Big-Five-Merkmalen, rein mechanistisch gesehen, am wenigsten verstanden. DeYoung betont, dass die Hauptaufgabe der „Gewissenhaftigkeit“ darin besteht, die Aufmerksamkeit von Ablenkungen wegzulenken und den wichtigsten Langzeitzielen zuzuwenden. Also letztlich stellt dieses „System“ sicher, dass die wichtigsten Ziele trotz Ablenkungen effektiv verfolgt werden können. Und nun zur Verträglichkeit: Manche Ziele kann man effektiv verfolgen, ohne Bedürfnisse und Wünsche anderer Menschen berücksichtigen zu müssen. Dennoch geht die CB5T davon aus, dass, da die soziale Komponente im menschlichen Leben eine große Rolle spielt, zumindest eine gewisse Kapazität zum Kooperieren mit anderen gegeben sein muss, um als Mensch normal zu funktionieren. Lässt sich Extrovertiertheit über die Sensitivität für Belohnungen charakterisieren, so liegt der „Verträglichkeit“ ein System zugrunde, das affiliatives Beziehungsverhalten moduliert. 

Von einer subjektiven Warte aus sind die Kapitel 5 („Stability, plasticity, and adaptation“) und Kapitel 7 („Function and dysfunction“) das eigentliche „Herzstück“ des Artikels. Was passiert, wenn sich etwas Unerwartetes ereignet? Wenn etwas recht Anderes eintritt als erwartet wurde oder gewünscht war? Dann landet der Mensch im Unvorhergesehenen, in einer neuen Situation für die er noch keine ihm bekannte Lösungsmöglichkeit vorliegen hat. D.h. charakteristische Adaptationen können sich als ungültig erweisen. Als Antwort hierauf müssen neue charakteristische Adaptationen entwickelt werden. Durch solche Situationen wird das betroffene Individuum vorübergehend (in Einzelfällen auch dauerhaft) in einem chaotischen Zustand katapultiert („Such an event can plunge the individual into chaos[.]“) Die psychologische Entropie nimmt zu und diese Zunahme geht mit einer emotionalen, motivationalen, kognitiven, und verhaltensmäßigen Dysregulation einher. Es findet eine Desintegration des Persönlichkeitssystems statt. Die charakteristischen Adaptationen liefern nicht mehr kohärente, unwidersprüchliche Antworten auf das Fragen, was passiert und was getan werden sollte. Neue charakteristische Adaptationen müssen entstehen. Wenn diese neuen Adaptationen entstanden sind, kann eine Reintegration des Systems erfolgen. Ein geringer Ausprägungsgrad des Metatraits „Stability“ kann dazu führen, dass auch geringe Anlässe ein Individuum in solch ein chaotisches Geschehen werfen. Ein hoher Ausprägungsgrad schützt vor ungewollten Berührungen mit dem „Chaos“. Wenngleich aus krisenhaften Berührungen mit dem „Chaos“ neue charakteristische Adaptationen hervorgehen, so kann exploratives Verhalten neue charakteristische Adaptationen auch ohne den Eintritt von großen Lebensereignissen oder Krisen hervorbringen. Personen, bei denen der Matatrait „Plasticity“ hoch ausgeprägt ist, verfügen somit tendenziell über mehr charakteristische Adaptationen, wobei sehr hohe Ausprägungsgrade dieses Metatraits durchaus die „Stabilität“ des Systems negativ beeinträchtigen können. 

Schließlich geht es um die Frage, wie Integration der Persönlichkeit gelingen kann. Die Widersprüchlichkeit von Zielen kann hohe Grade an Integration verhindern. Auch das Thema „Selbsttäuschung“ ist in diesem Zusammenhang relevant, da Selbsttäuschung dazu führen kann, das subjektive Evidenz ignoriert wird, dass eigene Pläne und Vorstellungen („beliefs“) fehlerhaft sind. Aber insbesondere dann werden hohe Grade an Integration erreicht, wenn in der Erfahrung aufgetretene Anomalien ausreichend vorsichtig exploriert werden, sodass eine Destabilisierung des Systems umgangen wird, aber zugleich auch bei diesem Explorieren ausreichend Courage aufgebracht wird, sodass sich manche charakteristischen Adaptationen als ungültig erweisen können und gegebenenfalls verworfen werden müssen. „Refusal to acknowledge error is likely to lead to perservation and to various future costs, including heightened risk for disintegration.“ Und: „Failure to adapt, due to self-deception, is likely to contribute to much psychopathology.“ Zusätzlich zu dieser Vermeidung von Selbsttäuschung geht es auch darum, der Emotion "Interesse" Raum einzuräumen: „[I]nterest indicates the potential to generate new characteristic adaptations that are well-aligned with one‘s traits and existing characteristic adaptations.“ 

Also, um zum Abschluss dieser Zusammenfassung und Besprechung zu kommen: Ich fand den Artikel von Colin DeYoung sehr lesenswert und gespickt mit interessanten Inhalten. Es werden hier nun regelmäßig weitere Besprechungen von Artikeln folgen. Sicherlich ist diese Besprechung etwas holprig zu lesen. Doch irgendwann muss ein Anfang gesetzt werden. Und eben hierum geht es mir: Um eine erste Besprechung als Auftakt zu weiteren Besprechungen.

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