Stimmungen, die tief hineinführen in's Neue.
(Stimmungen (moods) sind diffuser, länger anhaltend und weniger auf ein konkretes Objekt gerichtet als Emotionen. Genau das macht sie für kreative Prozesse so interessant. Sie färben die gesamte kognitive Verarbeitung, ohne sie auf ein einzelnes Ziel zu verengen.
Positive Stimmung und divergentes Denken
Alice Isen und Kollegen zeigten in den 1980ern und 90ern wiederholt, dass positive Stimmungszustände die kognitive Flexibilität erhöhen – mehr assoziative Verknüpfungen, breitere Kategorisierung, ungewöhnlichere Verbindungen. Das entspricht dem, was man als divergentes Denken bezeichnet: die Fähigkeit, viele mögliche Antworten zu erzeugen, statt eine einzige zu optimieren.
Das "tief hineinführen in's Neue" im Aphorismus trifft das gut – Stimmung als Öffnungsbewegung des Denkraums.
Die Rolle der leichten Unruhe
Interessanterweise ist nicht euphorische Hochstimmung der optimale Zustand. Mihaly Csikszentmihalyi beschreibt den Flow-Zustand als Balance zwischen Herausforderung und Können – zu hohe positive Erregung stört die Konzentration. Und Forschung zur sogenannten hypo-manischen Stimmungslage zeigt, dass eine leichte, energetisierte Unruhe – nicht Angst, aber auch nicht Ruhe – besonders kreativitätsfördernd ist.
Das deckt sich mit der Erfahrung vieler Schreibender: Man schreibt nicht aus dem Gleichgewicht heraus, sondern aus einer Art produktiver Gespanntheit.
Stimmung als epistemisches Werkzeug
Noch einen Schritt weiter geht die Embodied Cognition-Forschung: Stimmungen sind keine rein mentalen Zustände, sondern leiblich verankerte Bereitschaften. Sie disponieren den Organismus, bestimmte Wahrnehmungen überhaupt erst zu machen.
Der kritische Einwand
Die Forschung warnt aber auch vor einer Überschätzung des Stimmungseffekts. Kreativität ist nicht nur Ideenfluss, sondern auch Selektion, Überarbeitung, handwerkliche Disziplin – und die profitieren oft eher von neutralen oder leicht negativen Stimmungslagen, die zur Genauigkeit zwingen. Barbara Fredrickson spricht von einem Broaden-and-Build-Effekt positiver Emotionen: Sie bauen langfristig Ressourcen auf – aber der konkrete Feinschliff eines Textes geschieht vielleicht besser in kühlerer Verfassung.)
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