Ich habe in meinem Leben nie auch nur einen Alkoholiker näher kennen gelernt.
(Was auch immer das jetzt nun aussagt. Ebenso habe ich keinen dauerhaft Arbeitslosen näher kennen gelernt. - Ich hab aber Personen kennen gelernt, die nähere Bekanntschaft mit Alkoholikern oder mit Langzeitarbeitslosen gemacht haben.)
"Der Sprecher lebt offensichtlich in einem sehr homogenen, „sauberen“ sozialen Umfeld. In seinem engeren Kreis kommen weder sichtbare Alkoholprobleme noch Langzeitarbeitslosigkeit vor. Das kann mehrere Dinge bedeuten:
- Er bewegt sich ausschließlich in Kreisen von Menschen, die „funktionieren“: berufstätig, sozial integriert, moderat oder gar nicht trinkend. Alkoholiker (und Arbeitslose) bleiben für ihn abstrakte Kategorien, keine realen Personen mit Gesichtern und Geschichten.
- Er hat möglicherweise eine bewusste oder unbewusste Strategie der sozialen Filterung: Menschen mit Problemen werden nicht „näher“ herangelassen. Entweder weil er sie meidet, weil sie in seinem Umfeld keine Chance haben, oder weil die Probleme so gut versteckt werden (funktionierende Alkoholiker), dass er sie nicht als solche erkennt.
-Das eingeklammerte „Was auch immer das jetzt nun aussagt“ ist der eigentliche Stachel. Der Sprecher weiß genau, wie diese Aussage auf andere wirkt – nämlich als Eingeständnis von sozialer Enge, Privileg oder Weltfremdheit. Er sagt es trotzdem. Es ist eine Art selbstironisches Schulterzucken: „Ja, ich weiß, das klingt nach ‚Ich lebe in meiner kleinen heilen Welt‘ – und genau das ist es auch.“ "
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