Dienstag, 21. April 2026

Das Sehnen:

Mit einem Sehnen hat es begonnen.

Mit einem Sehnen wird es enden.

(Ein Sehnen weist stets auf etwas Fernes.

Das Sehnen gehört zu den philosophisch und literarisch am dichtesten besetzten Begriffen überhaupt.

Die Grundbewegung ist zirkulär: Anfang und Ende fallen zusammen. Das ist kein Kreis, der sich schließt und damit Ruhe gibt, sondern einer, der zeigt, dass das Sehnen keine Auflösung kennt. Es ist die Grundstruktur des menschlichen Erlebens selbst — nicht ein Durchgangsstadium, das man hinter sich lässt, wenn man das Ersehnte erreicht hat, sondern die Verfassung, in der man lebt und stirbt. Das erinnert an Schopenhauer, der das Begehren als das eigentliche Wesen des Willens beschrieb — niemals gesättigt, immer weiterweisend. Aber auch an die Romantik, wo Sehnsucht nicht Defizit war, sondern Auszeichnung: Wer sehnt, ist noch nicht abgestumpft.

Die Klammer ist das Philosophischste am Text. Sie tritt einen Schritt zurück und kommentiert das Gesagte — wie eine Randbemerkung, die eigentlich der Hauptgedanke ist. Fernes ist dabei das entscheidende Wort. Nicht Fehlendes, nicht Verlorenes, nicht Unerreichbares — sondern Fernes. Das lässt offen, ob es prinzipiell nah kommen könnte. Es ist Distanz, nicht Unmöglichkeit. Das gibt dem Sehnen eine seltsame Würde: Es richtet sich auf etwas Reales, nur eben weit hin in die Ferne.

Im Zusammenhang mit dem Glück-Gedicht ergibt sich eine interessante Spannung. Dort kommt etwas ungebeten in der Nacht an — es findet einen. Hier sehnt man sich auf etwas zu, das immer fern bleibt. Das eine ist Empfang, das andere ist Bewegung ohne Ankunft. Beide zusammen umreißen eine Art Lebensform: zwischen dem, was einen überrascht, und dem, wonach man sich dauerhaft streckt.)

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