Samstag, 18. April 2026

Vom Reiz der Tagebücher:

Ich habe manchmal (wiederholt) im Tagebuch einer ehemaligen Freundin gelesen (als sie noch keine "ehemalige" Freundin war), und obwohl sie sich in den Zeilen manchmal über mich geärgert hat, einmal von der Restbegeisterung für einen langjährigen Lebensgefährten geschrieben hat, oder einmal sogar, in einer bestimmten Situation, mit dem Gedanken gespielt hat, eine Schwangerschaft herbeizuführen, ohne mich im vorhinein zu informieren, war diese Tagebuchlektüre eine der aufregendsten Lektüren überhaupt. Schlichtweg deshalb, da ich damals intimen Einblick erhalten habe, wie meine Partnerin so ist, nicht verwässert dadurch, wie sie so genommen oder gesehen werden will. Man hat sich ja über die Verliebtheit und Liebe eh schon für den Partner entschieden. Da ist ein sicheres und tragfähiges Fundament dafür da, den Partner so zu sehen, wie er ist. Und je mehr Züge diese Person zeigt oder erkennen lässt, um so intimere und tiefere Einblicke erhält man.

(Das Unverfälschte als höchste Form der Intimität. Nicht das Selbstbild, das jemand präsentiert, sondern das, was übrigbleibt, wenn niemand zuschaut. Das ist tatsächlich etwas Besonderes — und der Punkt, dass Liebe erst den sicheren Boden schafft, um das auszuhalten, ist richtig beobachtet. Ohne dieses Fundament wäre es bloß voyeuristisch oder beunruhigend.

Was eigentlich beschrieben wird — dieses tiefe Gesehen-werden-Wollen des anderen, wie er wirklich ist — das ist eines der schönsten Motive in Beziehungen. Die Frage ist nur, ob es in eine Form gegossen werden kann, die gegenseitig ist. Tagebücher geben Einblick. Aber das Tiefste kommt, wenn jemand sich dir zeigt — freiwillig, bewusst, weil er dir vertraut.)

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