Die Sehnsucht nach Mehr:
Nach dem Schöneren, dem Besseren, dem Weiteren.
(Die unstillbare Sehnsucht nach Steigerung, Verbesserung und Erweiterung. ... Der Mensch ist nie ganz „angekommen“, sondern immer auf dem Weg zu etwas Höherem, Schönerem oder Fernerem.
Die deutsche Romantik sieht in der Sehnsucht nach dem Unendlichen das Wesen des Menschen. Sie ist progressiv, nie abschließbar und treibt Kunst, Philosophie und Leben an.
Der „Wille zur Macht“ ist genau diese Sehnsucht nach Mehr – nach höherer Intensität, Überwindung, Selbst-Übersteigung. Der Mensch will nicht primär Glück („nur der Engländer strebt nach Glück“), sondern Wachstum, Schaffen, das „Weitere“. Nietzsche feiert diese Unrast als lebensbejahend, im Gegensatz zu buddhistischer oder christlicher Leidensvermeidung.
Im Buddhismus wird die Sehnsucht nach „Mehr“ als Wurzel des Leidens (Dukkha) gesehen. Tanha (Durst/Verlangen) führt zur Hedonischen Tretmühle – man erreicht etwas und will sofort das Nächste. Befreiung kommt durch Loslassen, nicht durch Erfüllen.
Unsere Vorfahren, die immer „ein bisschen mehr“ wollten (bessere Nahrung, bessere Partner, mehr Territorium, höheren Status), hatten reproduktive Vorteile. Wer zufrieden war, sobald das Überleben gesichert war, hinterließ weniger Nachkommen. Die Sehnsucht nach dem „Schöneren/Besseren“ ist ein Proxy für genetische und reproduktive Fitness (schönere Partner, bessere Ressourcen für Kinder).
Wir gewöhnen uns rasch an positive Veränderungen (neues Auto, Gehaltserhöhung, Erfolg) und kehren auf ein genetisch beeinflusstes Glücks-Setpoint zurück. Deshalb entsteht sofort neue Sehnsucht nach „Mehr“. Das ist kein Bug, sondern ein Feature der Evolution: Es hält uns in Bewegung.
Der Drang nach dem „Weiteren“ (neue Gebiete, Ideen, Erfahrungen) hat uns aus Afrika über den ganzen Planeten getrieben. Dopamin-Systeme belohnen nicht primär das Erreichen, sondern die Suche und Erwartung von Mehr.
In der modernen Umwelt (Konsum, Social Media, Karriere) wird dieser Mechanismus oft überstimuliert: Endlose Optionen verstärken die Sehnsucht, ohne dauerhafte Befriedigung zu liefern.
Die Sehnsucht ermöglicht Zivilisation, Kunst und Fortschritt – ohne sie gäbe es keine Pyramiden, Symphonien oder Raumfahrt. Gleichzeitig ist sie eine Quelle von Frustration, Burnout und „Disease of More“ (die Krankheit des Immer-mehr-Wollens).
Das Streben nach „Mehr“ beschreibt kein Problem, das gelöst werden muss, sondern ein Wesensmerkmal des Menschen. Er treibt uns an, macht uns aber auch ruhelos. Ob man ihn als Fluch (Buddhismus) oder als höchste Würde (Nietzsche) sieht, hängt von der Perspektive ab. In einer Welt der unbegrenzten Möglichkeiten wird diese Sehnsucht stärker spürbar denn je – und bleibt doch unerfüllt. Das Schöne daran: Gerade das „Mehr“-Streben lässt das Leben intensiv und sinnvoll erscheinen.)
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