"Spannungstoleranz bedeutet die Fähigkeit, innere Anspannung bewusst auszuhalten, ohne sie sofort zu vermeiden, zu betäuben oder impulsiv zu regulieren. Es geht nicht darum, Anspannung zu mögen oder wegzuatmen, sondern sie da sein zu lassen, während man handlungsfähig bleibt. Wer keine Spannungstoleranz hat, wird von Anspannung gesteuert. Wer sie hat, kann trotz Anspannung entscheiden.
Der Nutzen ist fundamental. Anspannung ist kein Fehlerzustand, sondern ein Signal: etwas ist relevant, unsicher, widersprüchlich oder sozial bedeutsam. Wer Anspannung nicht toleriert, vermeidet genau diese Situationen – Diskussionen, Entscheidungen, Nähe, Konflikte, Lernen. Spannungstoleranz macht Anspannung zu einem Arbeitszustand statt zu einem Abbruchsignal. Erst dann wird sie informativ statt lähmend.
Man lernt Spannungstoleranz nicht durch Einsicht, sondern durch Erfahrung. Konkret: Anspannung spüren, nicht sofort regulieren, nicht ausweichen, nicht mental erklären – und erleben, dass nichts Schlimmes passiert. Das Nervensystem lernt über Wiederholung: „Ich kann das aushalten.“ Kleine, bewusst gewählte Dosen sind entscheidend. Zu viel überfordert, zu wenig bewirkt nichts. Spannungstoleranz wächst dort, wo man bleibt, obwohl ein Teil von einem gehen will.
Ohne Spannungstoleranz bleibt Entwicklung oberflächlich. Mit ihr werden Dinge möglich, die sonst verschlossen bleiben: ehrliche Gespräche, echte Nähe, klare Grenzen, differenziertes Denken unter Widerspruch. Man kann Meinungen hören, ohne sie sofort abzuwehren. Man kann Kritik aufnehmen, ohne sich zu verteidigen. Man kann Unsicherheit aushalten, ohne vorschnell zu handeln. Kurz: Man gewinnt psychische Freiheitsgrade.
Was sich ohne Spannungstoleranz nicht erreichen lässt, ist innere Stabilität in komplexen Situationen. Entscheidungen unter Unsicherheit, langfristige Ziele, intellektuelle Redlichkeit, emotionale Reife – all das setzt voraus, dass man Spannung nicht reflexhaft beendet. Wer Spannung sofort regulieren muss, bleibt abhängig von äußeren Bedingungen. Wer sie tragen kann, wird innerlich autonom.
Der entscheidende Punkt: Spannungstoleranz reduziert nicht die Menge an Anspannung im Leben – sie reduziert die Macht, die Anspannung über das eigene Verhalten hat. Das ist der eigentliche Gewinn."
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