Donnerstag, 20. September 2012

Man weiß von alters her...

Man weiß von alters her, dass es für den Menschen gefährlich ist, wenn es ihm "zu gut geht", wenn er allzu erfolgreich in seinem natürlichen Bestreben ist, Lust zu gewinnen und Unlust zu vermeiden. Wir haben allzu gut gelernt, unlustbetonten Situationen aus dem Weg zu gehen; Technik und Pharmakologie helfen uns dabei. Wir Zivilisationsmenschen werden immer unfähiger, Schmerz und Leid zu ertragen. Dieser Grad unserer Angst vor Unlust und die Methoden, diese zu vermeiden. grenzen an Laster.
In meinem Buch "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit" habe ich auseinandergesetzt, welche Folgen für den Gewinn von Lust und Freude dieses übertriebene Vermeiden aller Unlust hat. Die alte Maxime aus Goethes Schatzgräber "Saure Wochen, frohe Feste" besagt, dass wahre Freude durch wehleidige Unlustvermeidung unerreichbar gemacht wird. "Genuss" kann allenfalls noch gewonnen werden, ohne in Gestalt saurer Arbeit den ehrlichen Preis von Unlust dafür zu bezahlen, nicht aber der "Freude schöner Götterfunken". Die zunehmende Unlust-Intoleranz der zivilisierten Menschen verwandelt die naturgewollten Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens in eine langweilige, künstlich eingeebnete Fläche von einförmigen Grau, ohne Kontrast von Licht und Schatten. Kurz, sie erzeugt Langeweile und ist damit die Ursache für das große Unterhaltungsbedürfnis vieler Menschen.
Konrad Lorenz, Der Abbau des Menschlichen, 1983

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