Donnerstag, 20. September 2012

Die wachsende Intoleranz gegen Unlust...

Die wachsende Intoleranz gegen Unlust- im Verein mit der verringerten Anziehungskraft der Lust- führt dazu, dass die Menschen die Fähigkeit verlieren, saure Arbeit in solche Unternehmen zu investieren, die erst in der späteren Folge einen Lustgewinn versprechen. Daraus resultiert das ungeduldige Verlangen nach sofortiger Befriedigung aller aufkeimenden Wünsche. Dem Bedürfnis nach Sofortbefriedigung (instant gratification) leisten nun leider die Produzenten und kommerziellen Unternehmen in jeder Weise Vorschub, und merkwürdigerweise durchschauen die Konsumenten nicht, wie sehr sie durch "entgegenkommende" Ratengeschäfte in Sklaverei geraten.
Aus leicht einzusehenden Gründen zeitigt das zwanghafte Bedürfnis nach sofortiger Befriedigung auf dem Gebiet des sexuellen Verhaltens besonders böse Folgen. Mit dem Verlust der Fähigkeit, ein weitgestecktes Ziel zu verfolgen, schwinden alle feiner differenzierten Verhaltensweisen der Werbung und der Paarbildung, sowohl die instinktmäßigen wie die kulturell programmierten, also nicht nur jene, die im Verlaufe der Stammesgeschichte zum Zwecke des Paarzusammenhaltes entstanden sind, sondern auch die spezifisch menschlichen Normen des Verhaltens, die im Rahmen des Kulturlebens analogen Funktionen dienen. Das resultierende Verhalten, nämlich die in so vielen heutigen Filmen verherrlichte und zur Norm erhobene Sofort-Begattung als "tierisch" zu bezeichnen, wäre irreführend, da ihresgleichen bei höheren Tieren nur ganz ausnahmsweise vorkommt, "viehisch" wäre etwas besser, wenn man unter "Vieh" Haustiere versteht, denen der Mensch im  Interesse leichter Züchtbarkeit alle höher differenzierten Verhaltensweisen der Paarbildung "weggezüchtet" hat.
Konrad Lorenz, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, 1973
[Möglicherweise sind jene Überlegungen nicht mehr sonderlich aktuell bzw. in mehreren Punkten überholt, dennoch sind sie allemal bedenkenswert. Freilich, wenn man die Schriften von Konrad Lorenz liest, versteht man recht rasch, warum die Gegenwartsmedien und so manche "hochgradig moralische" Wissenschafter kein gutes Haar an ihm lassen wollen. Schimpfen, wo schimpfen erlaubt und erwünscht ist (und wo es gegebenenfalls belohnt wird); das ist die Tugend der Sittsamen.]

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